AUSSTELLUNGEN
Ich brauche einen Baum - Eine Solo Ausstellung
„Ich brauche einen Baum“ ist mein erster Schritt in einen Raum, den ich selbst gebaut habe. keine geteilten Entscheidungen, sondern eine Welt allein von mir.
Weniger ein festes Projekt sondern das festhalten und dokumentieren eines über 12 monatigen prozesses
losgetreten durch das Hauptwerk „Wörter gegen Farbe, denn auf die Essence reduziert ist es genau das, die Dokumentation seines Entstehungsprozesses. Aber dieser Prozess hat mir so viel bedeutet und gegeben, dass außer Frage stand, diesem Werk einen Raum zu geben, der mehr ist als eine Wand. Ich wollte, dass es atmen kann und mehr Platz hat als von einem Tuch abgedeckt, das es vor mir selber schützte. Ich wollte mich nicht satt sehen, nein ich wollte herausfinden, wie viel Welt ich um ein Bild herum bauen kann.
Mit der Zeit drängte sich noch ein anderes Motiv in den Vordergrund. Seit meiner Kindheit begleitet es mich. Früher mühsam und kontrolliert, Ast für Ast, Blatt für Blatt; später frei und spielerisch und im Kontext des Kunstschaffens eine entspannende Konstante nach anstrengender Arbeit.
Der Baum.
Auch in dieser Ausstellung ist ein Baum gewachsen, ohne dass ich es geplant hatte.
Doch mir war wichtig, nicht zu viel vorwegzunehmen. Ich wollte den Betrachtenden ihre Unvoreingenommenheit nicht nehmen. Ich wollte sie in diese Welt einladen, aber ihnen nichts aufzwingen; sie sollten mit ihren eigenen Meinungen und Gefühlen konfrontiert werden und vielleicht erst beim zweiten Hinschauen eine Handschrift und eine Aussage sehen.
Genau wie die immer wiederkehrende eingeritzte Schrift in meinen Arbeiten, die etwas hinzufügen und nicht diktieren soll.
Viele Materialien tragen diese Spannung: Gummi (Anti-Chemieschutzanzüge), Fell, Holz – alles emotional geladene Stoffe, Stoffe, zu denen man eine eigene Meinung, ein eigenes Gefühl hat.
Die große Industriehalle, in der alles stattfand, war für mich mehr als ein Ausstellungsort. Sie hat den Ton gesetzt: Licht, Kälte, Weite. Die Inszenierung war entscheidend – zusätzliche Beleuchtung, Gerüche, Bewegung im Raum, die kleinen Brüche, die chaotischen Entscheidungen. Ich wollte keinen neutralen Raum, keinen White Cube, sondern einen Ort, der eine Atmosphäre trägt, in die man hineingeht und sich anders fühlt als zuvor
In der Mitte des Raumes stand die gleichnamige Skulptur ‚Ich brauche einen Baum‘: ein aufgerichteter Gummianzug, aus dessen Armen und Gesicht Bäume wachsen, während sich andere Anzüge, vollgestopft mit Fell, an ihm hochziehen. Ein Bild zwischen Befreiung und Last, zwischen Wachstum, Eingeständnis und einem eigenartigen, dichten Unterton. Umgeben von Bildern, die Häuser, Zäune und Bäume zeigen, alles durchsetzt von kleiner, fast unleserlicher Schrift, und dazu Menschen, die in guter Stimmung durch die Halle wuseln.
Diese Ausstellung war für mich in vielem ein Test: Was schaffe ich allein, kriege ich meine Vorstellungen und Ideen in die Tat umgesetzt, wo stoße ich an, was schaffe ich ohne institutionellen Rahmen? Doch ich war auch nicht allein – viele Menschen aus meinem Umfeld haben geholfen, getragen und aufgebaut. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen. Und doch war es meine erste Erfahrung damit, eine komplette künstlerische Welt selbst zu planen, zu halten und zu verantworten.
Die Ruhe nach dem Sturm und der Moment nach der Vernissage, als ich mit ein paar meiner wichtigsten Menschen minutenlang schweigend in der Mitte der Halle saß, mich anschaute und die letzten Stunden Revue passieren ließ – im Hintergrund: Floe von Philip Glass.
‚Ich brauche einen Baum‘ erzählt nicht von einer Botschaft, die erklärt werden muss. Es erzählt von einem Raum und dem Prozess, der ihn hervorgebracht hat. Von Nähe zu Einfachem, aufgeladen und verschoben, von der Welt, in der ich meine Arbeit suche.
Und es erzählt – unausgesprochen, aber konstant – von einem Anfang.
Carlo Sprung
